Cassette Beasts - Die fast perfekte A- und B-Seite
- Mikel

- 25. März
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Apr.

Als Fan von Monster Taming und physischen Sondereditionen hab ich mir Cassette Beasts für die Switch bei Super Rare Games bestellt. War eine sehr gute Entscheidung. Für mich ist das Spiel eines der besten seines Subgenres der letzten paar Jahre, inklusive des Platzhirsches Pokémon.
Charaktere einmal mit allem für alle
Was macht Cassette Beasts also so gut? Denn rein oberflächlich betrachtet macht es nicht so viel anders als andere 2D-Vertreter des Subgenres. Die Oberweltsprites der menschlichen Figuren haben zum Beispiel weniger Charakter als die aus Gen V. Alle haben das selbe Gesicht. Obwohl die Charaktere aus verschiedenen Epochen und Welten kommen, zeigen die Oberweltsprites kaum diese Vielfalt. Die gezeichneten Nahaufnahmen hingegen sprühen nur so über vor Charme. Vor allem die Ranger Captains sind da hervorzuheben. Obwohl sie auch teils außergewöhnlich aussehen sind sie vom Design geerdeter als viele Arenaleiter mittlerweile bei Pokémon. Es hilft zum Beispiel schon sehr, dass alle Ranger Erwachsene sind.
Ebenfalls positiv lässt sich hier auch die Charaktererstellung- und Anpassung erwähnen. Neben Frisur und Klamotten kann man die Farbe für jedes einzelne Element individuell anpassen. Für mich persönlich nicht so wichtig, aber durchaus erwähnenswert, kann man die Pronomen der eigenen Figur ebenfalls jederzeit einstellen. Auch im Nachhinein kann man alles nochmal bequem ändern. Im Endeffekt ist das Aussehen der eigenen Figur nur eine nette Spielerei. So kann man sich auch eine sehr exzentrisch aussehende Figur basteln und wäre damit nicht fehl am Platz.
Erstaunlicherweise sind die Begleiter, auf den ersten Blick zumindest, ähnlich mondän. Was aber auch irgendwie klar ist. Denn sie sollen trotz ihrer Probleme sympathisch wirken. Bis auf Viola und die nachgepatchte Sunny haben sie auch alle normale Schwierigkeiten. Im Kern sind es alles Dinge, die jungen Erwachsenen so zu schaffen machen. Kailegh war Mitglied einer Gruppe, die sie auf den falschen Pfad geführt haben. Merediths Job ist eine Enttäuschung für sie. Eugene muss lernen seine Sprunghaftigkeit und Emotionalität zu kontrollieren. Felix mit der Scham seiner Teenagerwerke klarkommen. Viola damit, dass sie für die anderen eine fiktionale Figur ist. Sunny muss sich nach einer großen Veränderung, einer Art Zombiefizierung, erst einmal wieder selbst finden. Der einzige Sonderfall ist Barklay, der einfach nur ein herrenloser Hund ist.
Deshalb ist er natürlich auch als einziger kein potenzieller romantischer Partner. Wobei Romanzen nur nach dem Ende der Charakter-Sidequest und aller vorherigen Beziehungsstufen möglich sind. Bis auf einige Dialogzeilen ändert sich nichts. Diese sind jedoch echt gut vertont. Denn Cassette Beasts hat teilweise englisch vertonte Dialoge. Diese sind auch durch die Bank gut gesprochen. Kein Wunder bei dem Cast. Im Endeffekt ist eine Romanze, ähnlich wie die Charaktererstellung, nur eine Frage der eigenen Präferenz.
Vergiss die Menschen! Wo sind die Monster?
Auch wenn die Begleiter gut ausgearbeitet und die Ranger Captains interessant sind, letztendlich spielt man Titel dieses Subgenres für die Monsterkämpfe. Denn neben den besser geschriebenen Charakteren, dem im Vergleich zu Pokémon interessanterem Plot, ist auch das Kampfsystem und die Monsteranpassung eine gelungene Abwandlung. Die augenscheinlich größte Änderung ist, dass man standardmäßig 2v2-Kämpfe bestreitet. Bei den Hauptteilen von Pokémon ist das auch schon länger das offizielle Turnierformat, aber hier kämpft man so auch im Einzelspielermodus. Durch zwei Monster pro Partei lassen sich auch viel komplexere Taktiken anwenden. Besonders gut sieht man das im Post-Game bei den Rematches gegen die Ranger Captains. Während sie bei der Main Quest zaghafte Ansätze ihrer Taktik gezeigt haben, wird dann die optimierte Version präsentiert. Wenn man selbst nicht eine gute Taktik verfolgt, wie zum Beispiel simpel Typenschwächen anzugreifen, wird man gnadenlos aufgerieben. Im Gegensatz zu Pokémon, Doki Monster: Quest oder Nexomon: Extinction nimmt man weniger Schaden durch Angriffe gegen ein schwaches Element. Allein das sorgt schon für ein weniger simples Spielgefühl. Zusätzlich sind Statuseffekte, Buffs und Debuffs auch wichtiger als bei anderen Genrevertretern. Zumal dieses System auch mit den Schwächen interagiert. Die meisten Angriffe gegen Schwächen geben entweder einen Buff oder verändern das Element des angegriffenen Monsters. Ein Feuerangriff auf ein Eismonster verwandelt es zum Beispiel in ein Wassermonster.
Das Erlernen von Angriffen ist ebenfalls mit einer extrem guten Idee verknüpft. Erzählerisch sind die Angriffe nämlich Sticker auf den Kassetten der Monster. Deshalb kann man einen Sticker ganz einfach entfernen und auf eine andere Kassette kleben. Da Angriffe auch zufällige Modifikatoren haben können, wie zum Beispiel Multi-Attack auf einer eigentlich Single-Target-Attacke, lassen sich so richtig starke Monster bauen. Zumal dies auch für die passiven Fähigkeiten gilt, die eigentlich sogar noch wichtiger als die aktiven Angriffe sind.
Falls einen jedoch alle anderen Tricks im Stich lassen, gibt es wie in jedem guten JRPG einen Supermodus. Bei Cassette Beasts ist es eine Fusion der beiden Monster. Diese ist wesentlich stärker und hält sehr viel mehr aus. Wenn man lange genug fusioniert bleibt, kann man auch einen Superangriff entfesseln. Ungewöhnlicherweise bleibt man bis zum Knockout in dieser Form und nicht nur für ein paar Runden lang. Das Beste daran ist jedoch, dass das Ergebnis je nach Fusionsmaterial andere Sprites hat. Davon gibt es mehrere tausend Stück, unterteilt in mehrere Kategorien.

One man's Trash is another man's Monster
Die Monster selbst sehen auch richtig gut aus. Anthropomorpher als bei Pokémon, aber nicht so humanoid wie bei Digimon. Viele der Kreaturen, auch aufgrund der Typen, sehen wie an eine vermüllte Umwelt angepasste Lebewesen aus. Da man sich von den Elementartieren gelöst hat, gibt es einige kreative Kreaturendesigns. Mein Favorit ist Bulletino, das aussieht wie eine Patrone, und dann zu Artillerex wird, einem T-Rex-Geschützturm. Was ich persönlich gut finde, ist die Tatsache, dass fast alle Monster sich entwickeln können. Bei einigen ist der Auslöser manchmal obskur, aber der Großteil lässt sich durch simples Aufleveln weiterentwickeln. Richtig gut sind die Schillerformen gelöst. Anstatt nur anders gefärbt zu sein haben diese Monster einen anderen Typ. Wegen der systemischen Komplexität gibt es nur Monotypen, aber das ist ein kleiner Preis für ein besseres Kampfsystem.
Aventuiren in der Zwischenwelt
Dies ist irgendwie ironisch, denn das große Thema von Cassette Beasts ist "Verbindung". Der Schauplatz, New Wirral, ist eine Insel. An ihrer Küste werden Menschen und Gegenstände aus verschiedenen Zeiten und Welten angespült. Mit der Zeit wurden es so viele, dass sie eine Stadt gründen konnten. Für die Handlung ist sie nicht sonderlich wichtig, was man auch an der recht kleinen Größe sieht. Daneben gibt es nur eine weitere Siedlung. Dies ist nicht nur der Gefährlichkeit der Welt geschuldet, sondern auch der Größe der Karte. Im Laufe des Spiels schaltet man nach und nach neue Bewegungsmöglichkeiten frei. Sobald man dann im Endgame alle hat, fegt man über die Karte und merkt, wie klein sie eigentlich ist. Sonderlich abwechslungsreich sind die verschiedenen Teile leider nicht. Mit der abgedrehten Prämisse wäre da viel mehr drin gewesen.
Kreativ hingegen ist, dass man die Monster mit Kassetten fängt. Denn eigentlich verwandelt man sich durch die Macht dieser in die Monster selbst. Dieses und weitere Musikmotive werden im kompletten Spiel immer mal wieder aufgenommen. Hinzu kommt der exzellente Soundtrack des Spiels, der an prägnanten Stellen sogar mit Gesangsstücken aufwartet. Die Shinys heißen zum Beispiel "Bootlegs" und ausnahmslos jede Quest ist ein (Teil eines) Songtitels.
Die wichtigste Main Quest heißt zum Beispiel "Land of Confusion". In diesem stolpert man recht früh über die gefährlichste Art von Monster, einen sogenannten Erzengel. Dieser verletzte Erzengel singt ein bruchstückhaftes Lied, dessen voller Text einen Weg von New Wirral enthüllt. Da dies zuvor als unmöglich galt, versucht man andere Erzengel zu besiegen. Denn nur so gewinnt die Sängerin ihre Stärke zurück. Im Laufe der Geschichte stellt sich dann heraus, dass diese Kreaturen in Wahrheit Konzepte der menschlichen Psyche sind, die ein eigenes Bewusstsein erlangt haben. Die meisten von ihnen haben sich auf der Insel neu gebildet, denn eigentlich wird sie als Gefängnis für den ehemaligen König der Erzengel benutzt. Dieser wurde auf Grund seiner Grausamkeit hier zurück gelassen. In unserer Welt zeigte er sich zum Beispiel als König Arthus. Denn eine weitere Grundlage von Cassette Beasts ist der Arthusmythos. Das Spiel beginnt, und das denke ich mir nicht aus, mit einem Zitat aus Chaucers "The Green Knight". In einem finalen Kampf besiegt man dann Aleph, wie der König wirklich heißt, und kann nach Hause zurück kehren. Ich habe es auf Englisch durchgespielt und kann deshalb auch nur über das englische Skript reden. Dies ist echt gut gelungen. Auch und gerade die Namen der Monster sind wirklich clever.
Bleib auf deinem Posten, Ranger!
In guter JRPG-Tradition ist das Ende der Hauptquest aber nicht das Ende aller Herausforderungen. Einige Teile des Post-Games sind grindlastig, andere einfach nur schwer. Die Rematches gegen die Ranger Captains, Erzengel und der Kampf gegen den geheimen Erzengel sind einfach nur hart. Vor allem, da alle durch die Bank höhere Stats als zuvor haben. Sunnys Questlinie ist auch nicht ohne, aber gut machbar. Das Ranger-Notizbrett hingegen ist harter Grind. Hier muss man auf der Oberwelt Fusionen jagen, die eigentlich Minibosse sind. Die Sache ist halt, dass es 6 Tiers gibt und man wirklich viele Minibosse besiegen muss, um ins höchste Tier zu kommen. Dies ist jedoch die einzige Möglichkeit, um an ein bestimmtes Monster zu kommen. Außerdem gibt es die härtesten Standardkämpfe gegen Pseudo-Erzengel nur dort. Wenn man diese besiegt bekommt man die größte Menge Upgrade-Material für die besten Items.
Für mich wichtiger ist jedoch, dass auch zwei weitere Questlinien hinter dem Notizbord versteckt sind. Die eine Questlinie enthüllt die letzten Geheimnisse des Settings und kann als Epilog betrachtet werden. Die andere ist persönlicherer Natur und führt zwei neue Charaktere ein. Einer ist Frankie. Sie wird der Lehrling des eigenen Charakters. Man muss ihr aus seinem Fundus ein Monster als Starter schenken, was ich für eine richtig coole Idee halte. Anschließend muss man sie mehrmals an verschiedenen Orten der Karte finden und besiegen. Der andere neue Charakter ist der Dieb Vin, den man ebenfalls an mehreren Orten finden und besiegen muss. Am Ende der Quest schließen sich die beiden als Team zusammen.
Im Post-Game ist es auch einfacher das Äquivalent von Legendaries an verschiedenen Orten zu fangen. Vor allem, da diese erst dann auch zufällig immer mal wieder respawnen. Für ein weiteres Post-Game-Quest muss man bestimmte Monster fangen und dem Wissenschaftler Kirby geben. So kommt man einfacher an Bootlegs. Als letztes gibt es noch die Mer-Line. Dies ist ein Spießrutenlauf, in dessen Verlauf man den geheimen Superboss bekämpfen kann.
Wegen dieser Menge an Möglichkeiten hab ich allein für das Post-Game eine weitere Woche gebraucht.

Pier of the Unknown
Es gibt zwar ein paar kosmetische DLCs, aber der einzig wichtige ist Pier of the Unknown. Er enthält ein neues Gebiet und eine Handvoll neuer Monster. Die neuen Monster sind ganz nett, auch wenn ich das Kirmesthema jetzt nicht so reizvoll fand. Das neue Gebiet ist auch ganz cool, denn es hat ein paar Rätsel und Sprungeinlagen als Auflockerung. Die erzählte Geschichte ist interessant, glücklicherweise aber nicht essenziell für den Rest des Plots. Trotz dieser wenig enthusiastischen Beschreibung würde ich schon dazu raten diesen DLC zu kaufen, denn er rundet Cassette Beasts auch irgendwie ab.
Fazit
Cassette Beasts macht sehr, sehr viel richtig. Selbst wenn der eindeutige Platzhirsch nicht seit gefühlt 20 Jahren ein Schneckentempo bei der Weiterentwicklung drauf hätte, wäre es eine eindeutige Empfehlung meinerseits. Denn es gibt dem Subgenre viele neue Impulse und zeigt, zu was ein klassischer Monster Tamer in 2D heutzutage im Stande wäre. Normalerweise kostet es 20€ und ist jeden Cent wert. Oft genug ist es auch im Sale und dann ein absolutes Schnäppchen.
Plattform: Switch
Komplettiert: Nein
Spielzeit: Knapp 58 Stunden
Schwierigkeitsgrad: Recommended
Sprache: Englisch (Sprachausgabe und Text)




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