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Gaming Stil - Videospiel Expat

2. Sept.
5 Min. Lesezeit

Wenn es eine Skala gibt bin ich ganz auf der einen Seite und Glayd ganz auf der anderen. Er ist ein Tourist, mal hier mal da. Schnuppert die Blumen und wandert dann weiter zur nächsten Wiese. Ich hingegen arbeite Spiele durch, kämpfe bis alle Siege errungen sind und stehe lachend auf dem Gipfel eines weiteren erklommenen Berges.


Ich hab mittlerweile mehr Videospiele als ein Mediamarkt.
Ich hab mittlerweile mehr Videospiele als ein Mediamarkt.

Ich ziehe durch, bis zum letzen Meter


Ich breche so gut wie nie ein Spiel ab. Aktuell habe ich die zweite Phase seit einen Jahrzehnt, in dem ich nicht konzentriert ein Spiel nach dem anderen abarbeite. Liegt wohl am Alter meiner Kinder, denn nach der Geburt meines Sohnes war das genau so. Ansonsten ist meine Art zu zocken wie Fließbandarbeit. Vor den Kindern hab ich mehr gespielt als gearbeitet, 35-50 Stunden die Woche. 120 Stunden Elden Ring in 5 Wochen, 350 Stunden Assassin's Creed Odyssee in 2 Monaten, so ungefähr.

Ich gehe in jeden Winkel, mache jede Side Quest, benutze nie die Schnellreise, grinde wenn ich was will und bin ein Achievement-Jäger. Ein Spiel ist für mich dann erst fertig, wenn ich wirklich auch den letzten Tropfen aus ihm rausgequetscht habe. Die Flut hat mich überrollt und mein Berg des Glücks ist so hoch wie der Turm von Babel. Aber das ist nicht schlimm. Es ist eher wie eine gut gefüllte Bibliothek und es gibt immer etwas Neues zu sehen.

Die Länge der Spiele ist dabei egal. Oder die Anzahl der Modi. Bei einer standard-open-world gehöre ich zu der Handvoll Wahnsinnigen, die jeden Marker aufdecken. Gibt es ein New Game +, dann spiele ich das durch. Actionspiele wie Bayonetta oder Devil May Cry zocke ich mehrmals auf allen Schwierigkeitsgraden, mit allen Charakteren und allen Spezialmodi. Gibt es etwas zu entdecken, dann finde ich es. Gibt es etwas zu tun, dann mache ich das.

Dabei mache ich mir das Leben im wahrsten Sinne des Wortes absichtlich "schwer". Ich spiele nämlich meistens auf schwer oder höher. Denn ansonsten sind mir die meisten Spiele zu einfach. Entweder ist das der Fluch der Erfahrung, oder ich bin einfach nur gut (als ob). Viel mehr bin ich einfach nur unglaublich hartnäckig. Wenn ich mit dem Kopf auf eine Wand treffe, dann bricht die Wand bevor mein Dickschädel nachgibt.


Aber Warum?


Das klingt jetzt erstmal nach einer ziemlich ungeilen Art mit Videospielen umzugehen. Und für die allermeisten ist es das auch. Aber ich ziehe meine Motivation daraus. Zu wissen, dass ich wirklich alles gesehen habe. Und zwar nicht vorgekaut auf Youtube oder Twitch von jemand anderem, sondern selbst erreicht. Das Gefühl ist ähnlich wie nach dem Training, wo man drückt über den Punkt den man denkt zu schaffen, nur um es dann doch zu schaffen.


Da ist wieder die Arroganz, aber es gibt mir das Gefühl ein Spiel wirklich gemeistert zu haben. Und mir sind, ganz ehrlich, die meisten Spiele durch diese Art eben auch zu leicht, weil sie auf ein anderes Spielerprofil ausgerichtet sind. Standard-open-world-Spiele wie zum Beispiel Horizon: Forbidden West gehen Pi mal Daumen davon aus, dass man wenn überhaupt die Main Quest und ein paar Nebenquests macht, falls man sie überhaupt durchspielt. Deshalb kippen sie meiner Erfahrung nach auch, gerade auf einem hohen Schwierigkeitsgrad, sobald man die Hälfte der Karte abgegrast hat. Das erste Drittel ist hart, die nächste Zeit ein Einspielen und Build tunen und ab der Hälfte ist man dann weit über der Kurve. Weil man dann teilweise mit End-Game-Gear und End-Game-Stats rumläuft, vor allem aber, weil man selbst komplett im Spiel angekommen ist. Die Zeit, die ich bis dahin in einem Spiel verbracht habe ist meistens so viel Zeit, wie der Großteil insgesamt investiert hat.


Das ist die spielmechanische Seite. Die Lust auf Meisterschaft. Mein viel größerer Antrieb sind aber Geschichte und Geschichtchen. Ich liebe es, Nebenquests zu machen, seltenes Gear zu finden oder auch mal coole Aussichten zu sehen. Die meisten Spiele haben nämlich für Leute wie mich auch Belohnungen parat. Nicht schnödes Loot, aber teilweise bessere Enden, mehr Kontext und einfach mehr Immersion und Verbindung mit den virtuellen Welten. Manchmal sieht man das wahre oder beste Ende ja erst im New Game +, oder nachdem man einen Superboss gelegt hat oder einfach nur möglichst viele oder bestimmte Nebenquests richtig gelöst hat. Und dann kann ich meine Messias-Komplex voll ausleben. All den netten Pixeln mit ihren Problemen geholfen zu haben und dann von dem Entwickler ein wohliges Schulterklopfen und ein Fleißsternchen zu bekommen.


Meistens gibt es das Fleißsternchen auch in Form einer Platintrophäe. Zwar erhält man jetzt ja teilweise die Erlaubnis sich was im Sony-Merchandise-Store davon zu kaufen, aber eigentlich streicheln die Achievements nur das Ego. Und ich werde gerne gestreichelt. Da breitet sich in mir auch immer Arroganz und Gottkomplex aus. Gerade wenn ich mal wieder andere Spielerprofile stalke und mir denke: "Also ich habe das geschafft."


So sieht das dann in der Praxis aus.
So sieht das dann in der Praxis aus.

Die Karawane zieht weiter


Wichtig ist mir nur zu betonen, dass ich Expat und nicht Auswanderer bin. So sehr ich auch die romantische Vorstellung liebe, monate- oder jahrelang immer mal wieder das Selbe Spiel zu spielen, so sehr hält mich das nicht. Ich bin immer auf der Suche nach der nächsten Wiese zum Abgrasen. Es gibt immer einen neuen Gipfel zu erklimmen. In den Worten des Philosophen Oliver Kahn: "Weiter, immer weiter." Zwar gibt es immer mal wieder ein paar Spiele, wo ich länger dabei war, aber nicht über Jahre. Ich spiele eigentlich kein Spiel, das ich für mich komplett abgehakt habe nochmal. Deshalb ist mein natürlicher Freund die Complete Edition. Ich mag es absolut gar nicht, eigentlich fertig zu sein und dann kommen die Entwickler nochmal um die Ecke mit einem Content-Patch oder DLC. Auch ein Grund warum ich mir bestimmte Spiele erst später kaufe oder strategisch auf die lange Bank schiebe.


Ein weiterer großer Nachteil, weshalb diese Art zu Zocken wohl nur ein Bruchteil macht ist ganz klar, dass selbst das beste Spiel Längen hat. Doppelt und dreifach wenn man es ausquetscht wie eine Zitrone. Manchmal fühlt es sich nicht nach Arbeit an, sondern als würde man während einem Asche in den Mund regnet durch einen Sumpf waten, auf der Suche nach Goldklümpchen. Dann fühlt sich Videospielen nicht mehr geil, sondern einfach nur unangenehm. Aber wie oben erwähnt finde ich dann ein Goldklümpchen und es motiviert mich weiter. Und ganz ehrlich, ich finde das viele Videospiele, gerade die vielgescholtenen AAAs, gegen Ende nochmal deutlich von Story und Inszenierung anziehen. Denn trotz der Widrigkeiten bin ich mit den meisten Spielen am Ende versöhnt.


Am Ende bleibt die Glückskeksweisheit


Denn das Durchhalten hat mich auch Nachsicht gelehrt. Ich spiele auch viel Durchschnitt, aber dadurch scheint das, was mir gut gefällt, nur noch stärker. Da ich Längen und Schwächen kenne, kann ich die guten Teile und die Spiele, die ihre Teile richtig gut kombinieren, noch mehr Wertschätzen.


Und vielleicht ist das auch, was mich letztendlich wirklich antreibt. Nicht die Suche nach dem nächsten High, sondern das Wissen, dass die jeder Gipfel anders ist. Und der Sauerstoffmangel an der Spitze nur eine andere Art High erzeugt als immer am nächstbesten einfach erreichbaren Kraut zu schnüffeln.



 
 
 

1 Kommentar

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John
John
03. Sept.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ich habs ja schon häufiger gesagt, aber ich habe massiv Respekt vor der Resilienz, die Du an den Tag legst. Ich kenne natürlich auch das Gefühl ein Spiel vollständig durchgespielt zu haben, aber jedes ist schon echt krass man.💪

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