Retro Reviews: L.A. Noire
Disclaimer: Dieser Text ist über 10 Jahre alt und nur leicht korrigiert.
L.A. Noire
Publisher: Rockstar Games
Entwickler: Team Bondi; Rockstar Games
Version: 1.3
Edition: DE The Complete Edition
Erscheinungsjahr: 2011

L.A. Noire hat mich zwar interessiert, aber es war jetzt nicht das Spiel, für das ich in den Laden gestürmt wäre, weil ich es unbedingt haben wollte. Als ich es dann aber bei einer Aktion mit zwei anderen Spielen gekauft habe lag es plötzlich auf meinem Schreibtisch und wollte als erstes gespielt werden. Diesem Wunsch habe ich dem Spiel erfüllt und hier sind wir nun. Bleibt also die Frage, ob ich nicht lieber ein anders Spiel genommen hätte für mein Dreierpack oder ob meine Entscheidung richtig war.
L.A. Noire spielt im Los Angeles im Jahr 1947. Das wiederum bedeutet, dass es in einem Amerika spielt, wie es sich heute nicht mehr zeigen darf. Die Amerikaner sind immer noch im Siegestaumel des gewonnen zweiten Weltkriegs, die Angst vor Kommunisten und linksgerichteten Ideen macht die Runde und wer das Pech hat im Land der unbegrenzten Möglichkeiten als Frau, Latino oder Schwarzer geboren zu sein ist mehr oder weniger Bürger zweiter Klasse. Und in diesem L.A. ist man sozusagen der neue Sheriff in der Stadt.
Die oben beschriebenen Zustände zeigen sich auch in eigentlich allen Figuren. So nimmt keiner der Partner wirklich Anstoß an häuslicher Gewalt, einige befürworten dies sogar. Nicht wenige zeigen zudem auch ihre offene Verachtung für alle Arten von Minderheiten, ohne das es jemanden stört. Dies ist aber alles nicht schlimm, denn es passt zum Setting. Dadurch, dass etwas viele Personen auftauchen stechen aber leider auch keine heraus. Viele der Gesichter sieht man einmal und vergisst sie wieder. Und diejenigen Charaktere, die etwas mehr im Vordergrund stehen haben leider auch keine so große Rolle, als das ihr Charakter bis auf Oberflächlichkeiten zu Tage kommt. Trotzdem wirken alle auftreten Charaktere glaubwürdig und zumindest solide geschrieben.
Ganz anders verhält es sich mit dem Hauptcharakter, Cole Phelps. Auch er hat einige sehr hervorstechende Charaktermerkmale, macht aber im Laufe des Spiels eine deutliche Entwicklung durch. Ich kann auch garantieren, dass es am Ende sehr wenige Spieler geben wird, die nicht eine Meinung über Cole haben werden. Eine Sache stört mich jedoch an seinem Charakter. Cole Phelps ist eigentlich viel zu liberal für seine Zeit. So hat er nichts gegen die Japaner, obwohl er am Pazifikkrieg teilgenommen hat. Und auch die oben beschriebene latente Frauenverachtung dieser Zeit geht im gehörig gegen den Strich. An sich sind das natürlich sehr gute Charaktereigenschaften, aber hier geht es mir um ein allgemeineres Problem bei Videospielprotagonisten. Es gibt kaum Protagonisten mit wirklichen Vorurteilen. Vielleicht gehe ich bei der nächsten Kolumne etwas genauer auf das Thema ein, aber wie gesagt, der Punkt steht.

Auch die eigentliche Handlung weiß zu überzeugen. Wenn man ganz genau ist, gibt es in diesem Spiel sogar zwei Handlungsebenen. Die niedrige Ebene ist dabei die Geschichte, die die einzelnen Fälle erzählen. Diese Geschichten sind zwar solide, aber nichts wirklich Außergewöhnliches. Ich behaupte einfach mal, dass die meisten Personen nach der Hälfte des Falles wissen, was passiert ist und nach allerhöchstens 3/4 des laufenden Falles, wer der wahre Schuldige ist. Dafür klappern sie aber auch sämtliche Varianten von gängigen Krimifällen ab. Und natürlich verschmelzen die beiden Ebenen gegen Ende des Spiels.
Die höhere Ebene ist sozusagen die Geschichte, die sich wie der rote Faden durch das gesamte Spiel zieht. Diese ist um einiges komplexer und wirklich alle Verstrickungen und Querverbindungen sind eher unvorhersehbar. Doch obwohl diese Geschichte mit eine der Hauptattraktionen des Spiels ist und durchaus gut gemacht, hat sie doch ein paar kleine Makel. Der größte meiner Meinung ist, dass viel zu viel im Dunkeln bleibt und man sehr oft mit fertigen Ergebnissen konfrontiert wird, als einen wirklichen dramatischen Aufbau zu erleben. Natürlich muss in einer guten Geschichte nicht jedes Detail erklärt und gezeigt werden. Nur bei L.A. Noire wirkt es manchmal so, als ob man ein bis zwei Schritte übersprungen hätte. Eine weitere kleine Unregelmäßigkeit betrifft die Präsentation. Hat man in den Tutorialfällen noch einen Erzähler aus dem Off, wird dieses Mittel danach für Rückblenden aus dem Fenster geschmissen. Zwar taucht der Erzähler selbst im Laufe der Story noch einmal auf, dennoch hätte man sich meiner Meinung für eines der beiden Stilmittel entscheiden müssen.
Kommen wir also zum Gameplay. L.A. Noire ist ein Adventure der neuen Generation. Damit meine ich folgendes. Während Adventure der alten Schule ziemlich schwierig und bösartig sind, schleift L.A. Noire den Spieler selbst dann durch den Fall, wenn er sich absolut dämlich anstellt und alles vergeigt, was man nur vergeigen kann. Hinzu kommen nette Komfortfunktionen, die aber auch manuell im Optionsmenü aktiviert werden müssen. Grade das Hinweise Suchen wird damit zum Kinderspiel. Das heißt aber nicht, dass L.A. Noire ein einfaches Spiel ist. Wenn man ohne externe Hilfe versucht in jedem Fall fünf Sterne zu bekommen, dann werden aus den ungefähr 20 bis 30 Minuten pro Fall gerne mal 2 bis 3 Stunden. Dazu kommt, dass das Wertungssystem am Ende der Fälle ziemlich rigoros ist.
Denn grade bei der neben der Hinweissuche wichtigsten Gameplaysäule, den Befragungen und Verhören ist man relativ alleingelassen. Zwar kann man zwei Joker hinzu schalten, aber pro Frage nur einen, und manchmal sind diese auch gar nicht hilfreich. Besonders der „Publikumsjoker“, der zeigt, wie sich die beim „Rockstar Social Club“ registrierte Spielerschaft entschieden hat, ist total sinnlos. Aber grade deshalb sind die Befragungen so spannend, da man sich hier wirklich auf sein Gespür verlassen muss, wenn man richtige Antworten will. Nur manchmal hilft das nicht weiter.

Da man bei allen Befragungen nur eine Tendenz der Antwort auswählen kann passiert es oft genug, dass man leise Zweifel an einer Aussage erheben will und Cole gleich so ausrastet, als wäre sein Gegenüber gesucht wegen Genozids, Kannibalismus und den Start des 3. Weltkriegs.
Der Rest des Gameplays kann leider nicht mit den beiden Adventureteilen mithalten. So sind eigentlich alle Actionpassagen noch passabel, aber keine wirklich gut. Am ehesten haben mir noch die Boxkämpfe und die Verfolgungsjagden zu Fuß Spaß gemacht. Aber schon bei den Verfolgungsjagden gibt es meinerseits einige Dinge zu bemängeln. Cole ist nicht nur der langsamste Mann L.A.s, da er die meisten Verdächtigen erst einholen kann, wenn sie auch vom Spiel aus eingeholt werden dürfen. Man kann auch nur bei bestimmten Verfolgungsjagden Warnschüsse benutzen, um die Flüchtigen zur Aufgabe zu zwingen, obwohl die Dienstwaffe immer griffbereit ist.
Das sind aber nur die beiden noch etwas besseren Actionteile des Spiels. Die anderen beiden sind sogar noch etwas schlimmer. Da sind erst einmal die Autoverfolgungsjagden, die aufgrund der schlechten Fahrzeugsteuerung grade bei den schwierigeren Verfolgungsjagden einfach nur anstrengend werden und die Schießereien. Grade bei den Schießereien merkt man, dass das Spiel eigentlich nicht auf dynamische Bewegungen ausgelegt ist. So ist der Deckungswechsel langsam, die KI schlecht und allen voran Zielen Glückssache. Wie wichtig die Actionabschnitte auch den Entwicklern waren sieht man vor allem daran, dass sich diese per Optionsmenü überspringen lassen.

Ich persönlich glaube auch, dass diese Actionparts ein Zugeständnis an eine breitere Masse sind, die nun mal bestimmte Dinge von einem Spiel erwartet, auf dem ein Rockstar Logo zu sehen ist. Denn obwohl diese natürlich in das Spielgeschehen passen und um authentischer zu wirken auch vorhanden sein müssen, nehmen sie einen viel zu großen Raum ein. Schlimmer ist aber eine andere Designentscheidung, die „typisch Rockstar“ ist. Nämlich die frei erkundbare Spielwelt. Bis auf die „Max Payne“ Reihe und „Red Dead Revolver“ fällt mir nämlich kein Rockstarspiel ein, dass nicht ein Sandboxspiel ist. Und obwohl es das Spiel unglaublich aufwertet, ein scheinbar sehr akkurat nachgebildetes L.A. des Jahres 1947 als frei befahrbaren Schauplatz zu bieten, so ist es doch komplett unnötig. Ich verweise noch einmal auf meine Kolumne vom 20. April. Alle Elemente eines Spiels sollten dem wichtigsten Teil beitragen. Und die frei befahrbare Stadt tut dies nicht. Es gibt einen einzigen Fall, in dem es wichtig ist. Und bis auf die Nebenmissionen, die immer in einem Actionpart enden, kommt nichts wirklich Spaßiges hinzu. Ich betone nochmals, dass es eine großartige Leistung ist die Stadt so präsentiert zu haben, aber ich persönlich hätte viel lieber die gestrichenen Dezernate Raub und Betrug und/oder eine besser ausgearbeitete Hauptgeschichte gehabt als eine frei befahrbare Stadt.
Bevor ich mich jetzt völlig versteige kommen wir zum Technikpart. Ich fange jetzt auch nicht mit der Stadt und ihren Texturen an, da das in weiteren Gemecker enden würde sondern lobe erst einmal die Animationen. Das Hauptaugenmerk liegt bei L.A. Noire auf den Gesichtsanimationen und obwohl die Texturen nicht ganz so schön sind ist es doch die beste Mimik, die ich in einem Videospiel bis heute gesehen habe. Es fällt nur leider auf, dass die Gesichter viel detaillierter modelliert wurden als der Rest der Körper. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, wieso die Schauspieler doch sehr auffällig mit ihrer Mimik sind. Da wir grade bei den Körpern sind kann ich auch gleich deren Animationen loben. So steigen die Figuren bei L.A. Noire wirklich Treppen, anstatt Hänge hinaufzulaufen, Cole muss Antreten und Abbremsen und steht man mit einem Bein höher als mit dem anderen, so schlägt sich das auf die gesamte Körperhaltung nieder. Einziger Wehmutstropfen wäre hier, dass alle Frauen und alle Männer die gleichen Animationen haben. Dies fällt aber nur wirklich während der Verfolgungsjagden zu Fuß auf.
Da ich das Spiel grade gelobt habe kann ich auch jetzt auf die Texturen eingehen. Diese brauchen nicht nur unglaublich lange zum Laden, sie sehen auch meistens nicht mal gut aus. Das die Texturen teilweise nachladen hat wohl damit zu tun, dass der technische Unterbau wohl der gleiche ist wie bei „Grand Theft Auto 3“. Denn durch das L.A. L.A. Noires zu fahren erinnert doch sehr oft daran, auf der PS2 durch Liberty City, Vice City, Los Santos, San Fierro oder Las Venturas zu fahren. Teilweise aufploppende Straßenzüge, geringe Weitsicht, mieser Verkehr und die gleichen latenten Selbstmörder als Passanten sind wohl mehr als genug Gemeinsamkeiten. Zudem ist das ganze Spiel etwas instabil und ruckelt manchmal, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt.

Aber das ist nur nervig, nicht schlimm. Denn wie oben genannte Städte stimmt auch hier wieder die Atmosphäre. Die Leute unterhalten sich und das Radioprogramm ist sehr unterhaltsam. Außerdem wirkt die Stadt bevölkert, auch wenn die meisten generischen NPCs halt wirklich generisch sind. Ich hatte ja grade schon den Ton angesprochen, dann kann ich das auch gleich vertiefen. Die Radiosongs sind wieder sehr gut getroffen und auch der eigentliche Soundtrack des Spiels transportiert richtig gut die Stimmung. Herausragend sind dabei die drei eingesungenen Lieder, die man auch im Abspann hören kann.
Die Synchronisation ist ebenfalls sehr gelungen. Alle Charaktere wirken sehr authentisch bis auf die Deutsche, Elsa Lichtmann. Wenn ich schon eine deutsche Figur in meiner Geschichte habe, dann sollte die auch Deutsch können und nicht über ihre Zunge stolpern wenn sie „Untersturmführer“ sagt. Wie bei Rockstarspielen üblich gibt es keine deutsche Tonspur, sondern nur Untertitel. Eigentlich wollte ich die Lokalisation loben, aber so ganz kann ich mich dazu nicht durchringen. Denn die teilweise sehr gut gelösten Übersetzungen, allen voran die Herangehensweise an klassische Gedichte, werden durch simple Faulheit negiert. So gibt es auch hier wieder viel zu viele Bindestrichwörter und grade alles schriftliche wurde sehr direkt und ohne große Mühe übersetzt.

Diese Untugend lässt sich nicht am Handbuch sehen. Auch dieses ist, wie bei Rockstar üblich, in Farbe und aufgemacht wie etwas, das aus der Spielwelt stammt. Zwar ist knapp die Hälfte des Handbuchs einfach nur eine Liste der Mitarbeiter, dafür ist es allemal besser als ein schnöder Beipackzettel oder ein liebloses Alibihandbuch. Die Steuerung ist dagegen etwas unschön. So lässt sich das Spiel mit Maus und Tastatur meiner Meinung nach besser spielen, aber die komplette Menüführung ist auf einen Controller ausgelegt. Und natürlich werden nur XBox-Controller unterstützt und die Controllertastenbelegung lässt sich nicht ändern. Die DRM Methode des Spiels ist der Rockstar Social Club. Auf mich macht er den Eindruck des nicht ganz so nervigen kleinen Bruders von „Games for Windows Live“. Das heißt im Klartext, dass ich keine Probleme mit ihm habe.
Fazit
L.A. Noire ist ein gutes Spiel mit kleinen Schwächen. Zwar hätten einige Elemente etwas mehr Liebe gebraucht, das Gesamtergebnis ist aber trotzdem gut. Außerdem sollte das Spiel dafür belohnt werden, das es sich etwas traut. In einer Zeit, in der Adventures immer wieder totgesagt werden ist ein „AAA“ Adventure eine mutige Sache. So zwischen 15€ und 20€ ist L.A. Noire wirklich wert und für weniger eine absolute Empfehlung.
L.A. Noire ist vor allem etwas für Spieler, die sich nicht an richtige Adventures rantrauen möchten oder wollen. Große Ähnlichkeiten besitzt es mit der „Ace Attorney“ Reihe, allen voran „Ace Attorney Investigations: Miles Edgeworth“. Natürlich hat das Spiel auch eine große Schnittmenge mit eher klassischen Detektivadventures wie „Sherlock Holmes: Das Geheimnis des silbernen Ohrrings“. Auch Spielern, denen „Heavy Rain“ gefallen hat könnte L.A. Noire zusagen.
DLC Fälle
Grundsätzlich lohnen sich alle DLC Fälle, da alle Material sind, das im Nachhinein noch herausgeschnitten wurde. Deshalb fügen sich auch alle gut in die Geschichte ein. Ausnahme ist hierbei „Nicholsons Galvanisierung“,das zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt in der Geschichte einsetzt. Trotzdem sind ja die großen Fälle auch das, was bei L.A. Noire am meisten Spaß macht. Deshalb ist meine Empfehlung, sich diese zu kaufen, und sei es auch nur deswegen, um das Spiel noch ein wenig vollständiger zu machen.





Kommentare