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Street Fighter: Der beste schlechte Film des Jahres tritt dir mit Anlauf in die Fresse

17. Okt.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Okt.

Die meisten Videospielverfilmungen verbringen ihre Laufzeit damit, zu beweisen, dass sie mehr sind als ihre Vorlage.



Auf der anderen Seite gibt es Street Fighter. Einen Film, der offenbar morgens aufgewacht ist, fünf Energy-Drinks mit einer Dose Kreatin gemischt und beschlossen hat: "Was wäre, wenn ein MTV-Musikvideo, eine Wrestling-Show und ein Capcom-Automat ein gemeinsames Kind bekommen?"

Das Ergebnis ist komplett bescheuert und überraschend großartig.


Handlung? Formell vorhanden.


Wer hier wegen der Story ins Kino geht, analysiert wahrscheinlich auch die politischen Intrigen hinter dem Pilzkönigreich in Super Mario Bros. Natürlich gibt es eine Handlung. Irgendwo zumindest.


Street Fighter auf einem Bild: übermenschliche Kampfkünstler und Dan Hibiki.
Street Fighter auf einem Bild: übermenschliche Kampfkünstler und Dan Hibiki.

Ryu, Ken, Chun-Li, M. Bison und ungefähr jeder Charakter, der jemals ein Street-Fighter-Poster geziert hat, stolpern durch eine Aneinanderreihung von Szenen, die sich manchmal weniger wie ein Drehbuch und mehr wie eine Sammlung besonders enthusiastischer Ideen anfühlen.

Immer wieder werden neue Figuren eingeführt. Alte Figuren verschwinden. Nebenhandlungen tauchen auf und verabschieden sich kurz darauf schneller als ein Sony-Live-Service-Spiel. Dazwischen werden regelmäßig Rückblenden im Anime Stil eingeworfen, die mal tragische Herkunftsgeschichten erzählen, mal neue Konflikte erklären und gelegentlich den Eindruck vermitteln, als hätte jemand kurz den falschen Film eingelegt. Manche davon sehen aus wie emotionale Charakterentwicklung, andere wirken wie hastig verteilte Pflaster auf Handlungslöchern, durch die selbst Zangief problemlos passen würde.

Zeit, Orte und Motivationen wirken manchmal so flexibel wie die Wirbelsäule von Dhalsim. Stellt man die falschen Fragen, fällt das Kartenhaus erstaunlich schnell zusammen.

Aber: Der Film weiß das.

Street Fighter versucht keine Sekunde lang, seriös zu wirken. Die Logiklücken werden nicht kaschiert, sie werden mit einem Hurricane Kick durch die nächste Wand befördert.


Eine Charakter-Auswahl mit Kinobudget



Auch beim Cast hat Capcom offenbar keinen Zettel mit Schauspielunterricht verteilt, sondern eine Liste mit der Überschrift "Wer sieht in Kampfmontur verdammt gut aus?".


Andrew Koji (Warrior, Bullet Train) gibt den stoischen Ryu und bringt als Martial-Arts-Veteran direkt mehr Kampfsporterfahrung mit als manche komplette Actionproduktionen. Noah Centineo (To All the Boys I've Loved Before, Black Adam) verwandelt Ken in einen wandelnden Energy-Drink-Werbespot mit Blondierung, während Callina Liang (Presence) als Chun-Li jeden Raum betritt, als wäre sie bereits die gefährlichste Person darin. David Dastmalchian, den Genrefans aus The Suicide Squad, Dune und Late Night with the Devil kennen, channelt seinen inneren Raul Julia und übernimmt als M. Bison die Rolle des wahnsinnigen Diktators. Jason Momoa (Aquaman, Game of Thrones) darf als Blanka zeigen, wie wenig menschlich ein Mensch eigentlich aussehen kann. Dazu kommen WWE-Megastars Roman Reigns als Akuma, Cody Rhodes als Guile, Rapper Curtis "50 Cent" Jackson als Balrog, Comedian Andrew Schulz als Dan Hibiki, Kampfsportstar Vidyut Jammwal als Dhalsim, Sänger Orville Peck als Vega und Don Lee alias Ma Dong-seok (Train to Busan, The Eternals) als Gouken. Das liest sich weniger wie die Besetzung eines Films und mehr wie die Teilnehmerliste eines besonders eskalierten Crossover-Events zwischen WWE, UFC, Twitch und Capcom. Was man zudem wirklich spürt, ist, dass alle Schauspieler wirklich Bock auf ihre Rolle haben. Das ist ja bei Videospielverfilmungen durchaus selten.


Kitao Sakurai
Kitao Sakurai

Verantwortlich für diesen Wahnsinn ist Regisseur Kitao Sakurai. Sakurai inszeniert den Film nicht wie ein Martial-Arts-Drama, sondern wie eine Mischung aus Wrestling-Promo, Musikvideo und Capcom-Zwischensequenz.



Die Ästhetik eines verlorenen MTV-Musikvideos


Der eigentliche Star des Films ist ohnehin die erwähnte Inszenierung.

Stell dir vor, Hype Williams, Vince McMahon und Capcom hätten Ende der 90er eine Nacht lang keine vernünftigen Entscheidungen getroffen.

Alles glänzt.

Alles leuchtet.

Alles sieht aus, als würde jeden Moment Limp Bizkit auftreten.


Übertriebene Zeitlupen. Dramatische Kamerafahrten. Lichtstimmungen, die aussehen, als hätte jemand sämtliche Regler gleichzeitig nach rechts geschoben.

Der Film besitzt diese herrlich künstliche Hochglanzoptik, die moderne Blockbuster oft aus Angst vor Peinlichkeit verloren haben. Hier ist nichts geerdet. Nichts zurückhaltend. Jede Szene trägt einen Pathos auf wie ein Anime-Finale nach drei Staffeln Eskalation.


Zwischen Nasenbruch und Nagelpflege liegen manchmal nur wenige Zentimeter.
Zwischen Nasenbruch und Nagelpflege liegen manchmal nur wenige Zentimeter.

Die Kamera ist komplett notgeil und weiß das


Dazu kommt eine Kamera, die ungefähr so subtil arbeitet wie ein Chun-Lis Spinning Bird Kick ins Gesicht.

Die Kamera kreist um die Männerkörper mit einer Begeisterung, die normalerweise Drohnenaufnahmen von Sportwagen vorbehalten ist. Schultern werden ausgeleuchtet wie antike Marmorstatuen. Bizeps bekommen mehr Heldenaufnahmen als manche Nebenfiguren. Jeder zweite Kerl sieht aus, als würde sein Ruhepuls Proteinshakes schütteln.

Doch der Film bleibt nicht bei den Männern stehen.

Auch die weiblichen Figuren werden mit derselben völlig schamlosen Begeisterung inszeniert. Enge Outfits, perfekt gesetzte Kamerawinkel, Zeitlupen, Posen und Einstellungen, die direkt aus einem Musikvideo der Jahrtausendwende stammen könnten.

Das passiert nicht versehentlich.

Der Film weiß genau, was er tut UND er weiß, dass du hinguckst. Er schaut dabei direkt zurück und grinst wie Ken nachdem er den Lexus verdroschen hat.


Die Antwort auf die Frage: "Kann Eleganz weh tun?"
Die Antwort auf die Frage: "Kann Eleganz weh tun?"

Man kann das geschmacklos finden. Man kann darüber die Augen verdrehen. Aber man kann dem Film nicht vorwerfen, unehrlich zu sein. Street Fighter trägt seine Absichten nicht nur offen vor sich her, sondern beleuchtet sie mit Stroboskop, Nebelmaschine und einem Soundtrack auf maximaler Lautstärke.


Der Soundtrack hat mehr Trefferquote als manche Kämpfe


Während andere Videospielverfilmungen versuchen, möglichst erwachsen und ernst zu wirken, hämmert Street Fighter lieber einen Banger nach dem nächsten auf die Tonspur.

Das gilt gleichmaßen für die lizenzierten Songs wie auch für den Score. Hier reichen sich die Weather Girls, Marky Mark, Soundgarden und Peaches die Hand.

Der Soundtrack macht dabei oft mehr Arbeit als das Drehbuch. Manche Szenen werden regelrecht von ihrer musikalischen Untermalung gerettet.

Immer wieder entstehen Szenen, die objektiv völliger Unsinn sind, subjektiv aber trotzdem funktionieren, weil der Beat gerade sämtliche Vernunft aus dem Raum prügelt. Zusammen mit der Musikvideoästhetik entsteht eine Art audiovisueller Energy-Drink, der direkt ins Gehirn geschüttet wird. Man könnte vermutlich die komplette Story entfernen und stattdessen zwei Stunden lang Trainingsmontagen mit diesem Soundtrack zeigen.


Vergesst Martial Arts. Das hier ist Wrestling mit Spezialeffekten.


Wer präzise choreografierte Kampfkünste wie in den Klassikern aus Hongkong erwartet, sollte seine Erwartungen schneller anpassen als ein Entwickler einen Battle Pass.

Das hier ist nicht Ip Man.

Das ist nicht The Raid.

Das ist nicht einmal Mortal Kombat.

Während Mortal Kombat zumindest gelegentlich so tut, als würde es sich für seine Kämpfe interessieren, verhält sich Street Fighter wie eine Wrestling-Veranstaltung auf einem Jahrmarkt, die plötzlich ein Hollywood-Budget bekommen hat.

Hier wird nicht gekämpft. Hier wird performt.


Andrew Koji spielt Ryu. Noah Centineo spielt den Grund, warum Ryu ständig genervt aussieht.
Andrew Koji spielt Ryu. Noah Centineo spielt den Grund, warum Ryu ständig genervt aussieht.

Das ist jetzt nichtmal wertend. Jeder Charakter bekommt seinen Signature-Moment. Jeder darf einmal spektakulär ins Bild springen. Jeder darf seinen berühmtesten Move auspacken. Es war sicher nicht einfach die teils wilden Spezialmoves mit echten Menschen umzusetzen, da haben das Stunt- und Choreoteam ganze Arbeit geleistet!

Der Film zelebriert Körperlichkeit mit einer Begeisterung, die beinahe an alte Van-Damme- oder Schwarzenegger-Streifen erinnert.

Das passt zu Street Fighter.

Die Vorlage war schließlich auch nie bekannt für ihre tiefgründigen Dialoge oder komplexen Charakterstudien. Es ging schon immer darum, absurde Kampfmaschinen gegeneinander antreten zu lassen. Der Film übersetzt genau diese Energie auf die Leinwand.



Ein Film wie eine Arschbombe im Freibad


Objektiv betrachtet ist Street Fighter ein ziemliches Chaos.

Subjektiv betrachtet ist er eines der sympathischsten Chaosereignisse seit langer Zeit.

Der Film taumelt von Gag zu Gag, von Explosion zu Explosion und von Anspielung zu Anspielung. Er hat ungefähr dieselbe Eleganz wie eine Arschbombe vom Dreimeterbrett, erzielt wie diese aber exakt die gewünschte Wirkung.

Wer intelligente Dialoge, tiefgründige Charakterentwicklung oder asiatische Martial-Arts-Perfektion sucht, ist hier falsch.

Wer hingegen sehen möchte, wie durchtrainierte Menschen in absurden Kostümen zu einem überraschend starken Soundtrack durch eine zweistündige Musikvideoästhetik prügeln, erhält vermutlich genau das, wofür er bezahlt hat.

Street Fighter ist kein Meisterwerk.

Aber er versteht etwas, das viele moderne Blockbuster vergessen haben:

Manchmal reicht ein Film, der weiß, dass er dumm ist.

Und der dabei einfach einen Heidenspaß hat.


Du bist noch unsicher?

Dann beantworte eine einfache Frage: Kannst du den Street-Fighter-Film von 1994 heute noch mit einem breiten Grinsen schauen?

Dann geh mit Gott.

Oder mit M. Bison.

Aber geh. Bevorzugt Dienstags.



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